Interview mit J.R. Dos Santos

 
©  Mafra Photo

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Interview mit dem Autor von „Das Einstein Enigma“, José Rodrigues dos Santos, anlässlich der Veröffentlichung seines Romans auf Deutsch.


Warum haben Sie gerade das Thema eines wissenschaftlichen Nachweises für Gott gewählt?

Dos Santos: „Ich saß in Brasilien am Strand und sah, wie ein Junge ein Physikbuch las. Da stellte sich mir plötzlich die Frage, ob es wissenschaftlich möglich sei, die Existenz Gottes zu beweisen. Ich wusste aus meiner Dissertation zum Doktor der Philosophie, dass es in diesem Bereich einige neue Erkenntnisse gab. Also verbrachte ich die darauffolgenden Monate mit Recherche. Dabei fand ich heraus, dass in der Richtung schon erhebliche Entdeckungen gemacht wurden, über die die Öffentlichkeit aber überhaupt nicht Bescheid wusste. Und so entstand die Idee zu diesem Roman.“

Was bedeutet Gott für Sie persönlich? Hat sich Ihre Vorstellung von ihm im Laufe Ihres Lebens verändert?

Dos Santos: „Nun, was genau verstehen Sie unter Gott? Meinen Sie einen alten Mann mit Vollbart, der ein bisschen wie Charles Darwin aussieht, auf unsere Welt herabblickt und unseren Gedanken und Gebeten lauscht? Das ist der anthropozentrische Gott, wie ihn die Religionen erschaffen haben, und, es tut mir leid, aber die Wissenschaft hat keinen Beweis für diesen Gott gefunden. Wenn Sie aber Gott als eine absichtsvolle Intelligenz im Universum verstehen, dann ist die Wissenschaft fündig geworden. Das ist auch der Gott, an den ich glaube. Er ist dann kein religiöses Phänomen mehr, sondern ein wissenschaftliches.“

Würden Sie sich selbst als religiös oder spirituell bezeichnen?

Dos Santos: „Nicht wirklich. Ich bin ein Mann der Wissenschaft und der Vernunft. Ich stelle mir Gott als etwas Rationales vor. Wenn es einen Gott gibt, bewirkt er keine Wunder oder ändert die Naturgesetze. Stellen Sie sich das Universum wie einen Computer vor. Die Sterne, Planeten, Galaxien und Atome sind seine Hardware. Aber was ist dann seine Software? Die Antwort ist: eine über allem stehende Intelligenz. Sehen Sie sich nur einmal um und fragen Sie sich dann selbst: Ist das Universum nicht eine extrem intelligente Schöpfung? Die Antwort ist so offensichtlich.“

Wieviel Zeit hat die Recherche für „Das Einstein Enigma“ in Anspruch genommen?

Dos Santos: „Ein ganzes Jahr. Ich selbst habe aber nichts entdeckt. Genies wie Albert Einstein, Erwin Schrödinger, Werner Heisenberg, Niels Bohr und all die anderen haben die Arbeit gemacht. Ich habe nur all die wissenschaftlichen Erkenntnisse in einen Spionageroman übertragen, gewürzt mit einer Liebesgeschichte und jeder Menge Verbrechen, so dass man den Roman unbedingt lesen will. Ich bin Schriftsteller, und ich schreibe Romane, die Fiktion verwenden, um Wahrheit und echtes Wissen zu vermitteln.“

Wie haben Leser, die an den Gott in der Bibel glauben, auf das Buch reagiert?

Dos Santos: „Sie lieben es. Man muss nicht gläubig oder ungläubig sein, um zu erkennen, wie wichtig dieses Buch ist. In einigen Ländern wurden regelrechte Fan-Clubs gegründet, die sich mit dem Einstein-Rätsel auseinandersetzen. Manche Menschen erzählten mir auch, dass das Buch ihre Sichtweise auf das Leben verändert habe. Ich habe von einem Leser aus Frankreich eine E-Mail bekommen, in der er mir schreibt, dass er Depressionen hatte und ihn mein Buch geheilt habe. Denn es habe ihm all die Fragen beantworten könnte, die der Grund für seine Depressionen waren. Und ich habe E-Mails von Kindern erhalten, die mir berichteten, dass sie den Unterricht in ihren naturwissenschaftlichen Fächern immer gehasst hätten, nun aber total begeistert davon seien, wegen meines Buches. Es ist für mich sehr bewegend, wenn ich sehe, welche Wirkung dieser Roman auf Menschen hat. Ich bin sehr stolz darauf, ich denke, das ist außergewöhnlich.“

Identifizieren Sie sich eigentlich mit Ihrem Protagonisten Tomás Noronha? Gibt es Parallelen zwischen ihm und Ihnen?

Dos Santos: „Das werde ich häufig gefragt. Bin ich Tomás? Nun, ich habe ihn nicht bewusst nach meinem Abbild geschaffen, aber er ist meine Kreation, und deshalb glaube ich, dass er ist, was ich bin oder gerne wäre, wenn auch unbewusst.“

Wie gehen Sie normalerweise beim Schreiben eines Buches vor?

Dos Santos: „Zunächst muss ich eine Idee haben, an der sich die Geschichte wie an einem Leuchtturm orientiert. Dann fange ich an, mir folgende Fragen zu stellen: Welche Geschichte will ich erzählen? Welche Charaktere brauche ich dazu? Wie ist ihr Profil? Was soll mit ihnen passieren? Danach ist die Geschichte schnell geschrieben. Ich recherchiere und schreibe sehr schnell, das habe ich meiner akademischen und journalistischen Erfahrung zu verdanken. Wenn ich nicht so faul wäre, könnte ich zwei Bücher im Jahr veröffentlichen.“

Glauben Sie an eine nukleare Krise, wie sie in dem Roman dargestellt wird?

Dos Santos: „Es ist ein mögliches Szenario. Nordkorea hat jahrelang behauptet, Atomenergie nur für friedliche Zwecke nutzen zu wollen, und wir wissen, was davon zu halten war.“

In „Das Einstein Enigma“ beschreiben Sie Lissabon als internationalen Drehpunkt für Spionage und Geheimdienste. Ist das nur Fiktion?

Dos Santos: „Natürlich. Aber eine der Figuren in meinem Buch, Greg Sullivan, basiert auf einer echten Person, einem Amerikaner, den ich in der US-Botschaft kennengelernt habe. Er ist sehr ruhig und unauffällig, und ich glaube inzwischen, dass er von der CIA ist.“

Neben Portugal sind auch andere Länder in der Gottesformel Schauplatz der Handlung, darunter Ägypten, der Iran und Tibet. Warum ist das so?

Dos Santos: „Vielleicht, weil ich gerne reise und meine Leser mit mir auf diese Reisen nehmen möchte. Reisen ist etwas, das in allen meinen Romanen vorkommt.“

Und wie auch in allen anderen Büchern, haben Sie auch wieder eine Liebesgeschichte in „Das Einstein Enigma“ eingebaut. Kann ein Buch überhaupt ohne Liebesgeschichte auskommen?

Dos Santos: „Es gibt viele Bücher ohne Liebesgeschichte, aber es ist wahr, dass ich immer versuche, eine in meine Romane einzubauen. Wenn ich vielschichtige Charaktere kreieren will, ist das unvermeidlich. Liebe ist ein Teil des Lebens. Menschen werden von der Suche nach Liebe und Sex angetrieben. Wie könnte ich glaubhafte Figuren schaffen, wenn sie nicht von normalen Trieben gelenkt werden?“

Und Sie, glauben Sie selbst an das, was Sie schreiben, oder möchten Sie einfach nur eine gute Geschichte erzählen?

Dos Santos: „Ich muss immer an das glauben, was ich tue.“