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„Königskinder“ von Alex Capus

Warum wir Geschichten erzählen

Im besten Fall transportieren uns Geschichten an einen anderen Ort und in eine andere Zeit. Sie lassen uns unser Schicksal für kurze Zeit vergessen, lassen uns fühlen, träumen, hoffen und genießen.

Genau das führt Alex Capus in 'Königskinder' meisterhaft vor. Und das gleich im doppelten Sinne. Seine Protagonisten '1. Stufe', Max und Tina, kommen auf einem Gebirgspass in einem Schneesturm von der Straße ab und bleiben liegen. Sie werden die Nacht in ihrer eisigen Kammer verbringen müssen und ihre Lage ist kritischer, als es ihr vertrautes gegenseitiges Necken nach außen hin transportiert. Darum fängt Max an, Tina eine Geschichte zu erzählen - um sie von ihrem Schicksal abzulenken und die Zeit bis zum Morgen zu überbrücken. Seine Geschichte ist eine 'wahre' Geschichte, wie er behauptet, wobei das Entscheidende sei, dass sie 'stimme'. Was immer das heißt, darf der Leser für sich selbst entscheiden. ;-) 

Max’ Geschichte spielt eben dort, wo er und Tina sich befinden, in den Bergen, im Grenzgebiet zwischen der Schweiz und Frankreich. Dort, in einer Hütte (im Schneesturm leider nicht zu sehen, aber in Luftlinie theoretisch auszumachen) in der Nähe lebte im Jahr 1779 der Kuhhirte und Waise Jakob. Er und die reiche Bauerstochter Marie verlieben sich und finden, trotz tobendem Vater auf Seiten Maries, irgendwie zueinander. Doch Krieg und König funken dazwischen. Erst muss Jakob militärischen Dienst leisten, dann wird er an den Hof der königlichen Schwester zum Kühehüten gerufen. Aber Marie wartet auf ihn. 

Die Geschichte um Jakob und Marie ist wie ein Märchen: voll großer Gefühle und Probleme, aber mit den liebesgetrübten Augen der Protagonisten ist alles überwindbar. Max' Geschichte lebt von einer lebendigen Sprache, die teils derb und humorig ist (wenn der Bauersvater tobt), teils hochtrabend metaphorisch und entrückt (wenn die Liebe der beiden beschrieben wird). Außerdem sind die geschichtlichen Rahmenbedingungen dem Leser hinlänglich vertraut, so dass er sich, durch wenige Beschreibungen angeregt, von allem stets einfach ein gutes Bild machen kann. Die Anzahl der Charaktere ist überschaubar und die wichtigen sind sympathisch und wachsen einem ans Herz, die unwichtigen dürfen gerne farblos bleiben. 

Die Unterbrechungen der Geschichte durch Einwürfe Tinas und kleine, routinierte Diskussionen zwischen dem erzählenden und zuhörenden Ehepaar wecken auch den Leser immer wieder auf, lassen ihn von dem sonst vielleicht zu eintönigen Geschichtstrip kurz zurück ins Hier und Jetzt springen - wie unterhaltsame Werbepausen, wenn man so will. 

Und wofür macht Alex Capus Werbung? Für das Erzählen. Es vermittelt (hier: geschichtliches) Wissen und Emotionen - immer und gerade heute zwei der grundlegenden Dinge, an denen es uns oft fehlt und die (über)lebenswichtig sind! In dieser einen Nacht für Tina und Max, aber im wahren Leben Tag für Tag.

Rezension von MrsFraser